
Nur Stunden nach Bekanntwerden des Grenzdurchbruchs in Ceuta überschwemmten die Führer Europas rechter Parteien – von Italiens Lega bis zum französischen Rassemblement National – die sozialen Medien und machten Madrids jüngstes Legalisierungsprogramm für „eine Einladung zur Invasion“ verantwortlich. El País berichtet, dass konservative Gruppen in mindestens neun EU-Staaten am 2. August über die Fraktion Identität und Demokratie im Europäischen Parlament koordinierte Erklärungen veröffentlichten, in denen sie Budgetstrafen und den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum forderten, falls das Land „die Sicherung der südlichen EU-Grenze nicht gewährleistet“. Spanische Behörden entgegnen, dass die Entscheidung Marokkos, die Kontrollen am Grenzübergang Tarajal zu lockern – und nicht inländische Amnestien – den Ansturm ausgelöst habe. Dennoch hat sich diese Erzählung bereits in den nationalen Wahlkämpfen in Finnland und Österreich festgesetzt, wo Umfragen zeigen, dass Migration die Inflation als Hauptsorge der Wähler überholt hat. Experten gehen davon aus, dass der Vorfall die Bemühungen der Mitte-rechts-Regierungen beschleunigen könnte, die EU-Asylverfahren vor den Europawahlen im nächsten Frühjahr zu verschärfen. Ein in Brüssel kursierender Entwurf sieht vor, den Mitgliedstaaten größere Befugnisse zu geben, um bei einem „Versagen eines Staates, seine Außengrenzen zu schützen“, wieder interne Grenzkontrollen einzuführen. Für multinationale Unternehmen, die Talente innerhalb der EU versetzen, bedeutet die zunehmende Politisierung, dass Notfallpläne in den nächsten zwölf Monaten mit sporadischen Grenzkontrollen – selbst zwischen langjährigen Partnern – rechnen sollten. Zudem könnten Unternehmen unter Druck geraten, Einsätze zu rechtfertigen, die auf innerbetrieblichen Transfergenehmigungen basieren, falls die Politik im Gastland feindselig wird. Die Ceuta-Krise droht somit nicht nur Spaniens Migrationsdebatte, sondern auch die gesamte europäische Diskussion über Mobilität und Solidarität neu zu definieren.
Quelle: El País