
Frankreich hat etwas mehr als zehn Wochen Zeit, um seinen nationalen Einwanderungskodex an den umfassenden EU-Pakt für Migration und Asyl anzupassen – doch die dafür nötige Gesetzgebung steckt noch fest. Juristen des Innenministeriums arbeiten an Notverordnungen, nachdem die Regierung ein umfassendes Gesetzesvorhaben auf Eis gelegt hat, aus Angst, es könnte sowohl von rechts- als auch linkspolitischer Seite blockiert werden. Der Pakt umfasst neun unmittelbar anwendbare Verordnungen und eine Richtlinie, die ein verpflichtendes „Asyl-Grenzverfahren“, strengere Haftregeln und eine Quote von 615 Plätzen in Aufnahmeeinrichtungen für Frankreich vorsehen. Wenn Paris den Code über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern (CESEDA) nicht bis zum 12. Juni 2026 anpasst, würden große Teile des bestehenden Rechtsrahmens einfach außer Kraft treten. Höhere Beamte warnen, dass die Grenzpolizei abgelehnte Asylbewerber weder in Haft nehmen noch unter Hausarrest stellen könnte – was ein „operatives und rechtliches Vakuum“ schaffen würde, so ein Insider. Anwaltvereinigungen wie ANAFÉ beklagen, dass es keine klaren Vorgaben gibt, wie kostenlose Rechtsberatung oder die 12-wöchigen beschleunigten Berufungsverfahren im neuen System funktionieren sollen. Gerichte und das französische Asylamt OFPRA befürchten eine Flut von Klagen, falls die Verfahren ohne klare nationale Regeln starten. Im Jahr 2024 stellten nur 1.500 Personen an den französischen Grenzen einen Asylantrag, doch zwei Drittel davon würden unter das Schnellverfahren des Pakts fallen; die Infrastruktur am Flughafen Charles de Gaulle müsste sich dafür verdoppeln. Für multinationale Unternehmen ist die Unsicherheit mehr als theoretisch: Geschäftsreisende und im Ausland eingesetzte Mitarbeiter aus Ländern mit einer Anerkennungsquote von unter 20 % könnten wochenlang in „Grenzzonen“ festgehalten werden, während ihre Anträge geprüft werden. Arbeitgeber müssen möglicherweise ihre Reisekrisenpläne überarbeiten und sicherstellen, dass Einladungsschreiben und Rückflugtickets lückenlos sind, um unbeabsichtigte Inhaftierungen zu vermeiden. Der Fall zeigt, wie politisch heikel das Thema Einwanderung in Frankreich weiterhin ist. Ohne parlamentarische Mehrheit setzt die Regierung auf kurzfristige Verordnungen – doch auch diese benötigen die vorherige Zustimmung der Abgeordneten. Blockieren die Oppositionsparteien diesen Weg, könnte Frankreich am 12. Juni mit geltenden EU-Regeln, aber ohne nationale Umsetzungsverfahren aufwachen – ein Szenario, das die Grenzabläufe kurz vor der geschäftigen Sommersaison lahmlegen würde.
Quelle: Le Monde