
Ein scharfer Bericht, der am 8. Juli von der Untersuchungskommission der Nationalversammlung zur französisch-britischen Grenzzusammenarbeit veröffentlicht wurde, hat die Debatte über die Grenzüberwachung an der französischen Nordküste neu entfacht. Das 220 Seiten umfassende Dokument beschreibt, was Abgeordnete als eine „schleichende Auslagerung“ der Migrationskontrolle des Vereinigten Königreichs auf französisches Territorium seit dem Touquet-Vertrag von 2003 bezeichnen. Die Ermittler listen 34 bilaterale Abkommen auf – die meisten ohne parlamentarische Kontrolle verabschiedet –, die Frankreich verpflichten, potenzielle Asylsuchende am Überqueren des Ärmelkanals zu hindern, während London finanzielle Mittel und Ausrüstung bereitstellt. Das parteiübergreifende Komitee wirft den aufeinanderfolgenden französischen Regierungen vor, Sicherheitsziele mit humanitären Verpflichtungen zu vermischen. Zeugenaussagen des Chefanklägers von Dünkirchen zeigten, dass Migranten, die auf See abgefangen wurden, routinemäßig in Polizeigewahrsam genommen wurden, selbst wenn keine Straftat vorlag, was zu gerichtlichen Rügen führte. Die Abgeordneten weisen zudem auf die wachsende Kluft zwischen den sich in einem Jahrzehnt verdreifachenden Vollzugsbudgets und den spärlichen Mitteln für Aufnahmezentren und Asylbearbeiter hin. Seit dem Brexit hat sich die rechtliche Unsicherheit verschärft. Der Bericht stellt fest, dass es weiterhin keinen Mechanismus für die Familienzusammenführung mit bereits im Vereinigten Königreich lebenden Angehörigen gibt; auch hat London sich nicht bereit erklärt, eine Quote von Migranten zurückzunehmen. Französische Behörden stehen daher unter politischem Druck, die Küste „abzusiegeln“, während lokale Verwaltungen mit informellen Lagern kämpfen, die sich ebenso schnell neu bilden, wie sie geräumt werden. Die Untersuchung fordert die Regierung auf, alle künftigen Abkommen zu veröffentlichen, eine unabhängige Kontrollinstanz einzurichten und einen Teil der britischen Finanzmittel in Integrationsprojekte in Calais, Dünkirchen und Boulogne zu investieren. Für Geschäftsreisende und multinationale Unternehmen sind die Herausforderungen sowohl praktisch als auch politisch. Der Frachtverkehr durch den Eurotunnel und den Hafen von Calais hat sich in diesem Jahr bereits mehrfach verlangsamt, wenn Polizeikräfte zur Migrantenkontrolle abgezogen wurden. Logistik- und Mobilitätsmanager werden geraten, bei Straßen- und Bahntransporten insbesondere an Wochenenden in der Hochsaison zusätzliche Pufferzeiten einzuplanen. Der Bericht fordert eine klarere Trennung zwischen Asylverfahren und kommerziellem Verkehr – etwa durch eigene Spuren und digitalisierte Kontrollen –, was, wenn umgesetzt, chronische Staus lindern und das Reputationsrisiko für Unternehmen, die verderbliche Waren transportieren, verringern könnte.
Quelle: Le Monde