
Als am Abend des 28. Mai Stürme Norditalien heimsuchten und Streikvorbereitungen die Personalpläne durcheinanderbrachten, erlebten Passagiere des Fluges W6 3813 von Bergamo – Orio al Serio (BGY) nach Bukarest eine sechsstündige Odyssee, die in den italienischen sozialen Medien viral ging. Laut Augenzeugenberichten, die der Corriere della Sera veröffentlichte, stieg das Airbus A321 pünktlich gegen 16:00 Uhr ein, blieb jedoch bis fast 22:30 Uhr auf dem Vorfeld geparkt. Die Kabinenbesatzung erklärte den Passagieren, dass das Flugzeug nicht rollen könne, da das Bodenpersonal unterbesetzt sei und gleichzeitig wetterbedingte Start- und Landebahnsperrungen bewältigen müsse. Obwohl das Catering bereits an Bord war, verweigerte die Fluggesellschaft das erneute Öffnen der Türen aus Sicherheitsgründen und zwang die Passagiere, nach Verbrauch des kostenlosen Wasservorrats, Trinkwasser zu kaufen. Der Vorfall verdeutlicht die Kettenreaktion, die der landesweite Streik am Freitag bereits vor seinem offiziellen Beginn auslöst. Orio al Serio ist Italiens drittgrößter Flughafen für Billigflieger und ein wichtiger Knotenpunkt für das industrielle Herzstück der Lombardei. Geschäftsreisende, die zu frühen Fabrikbesuchen in Cluj-Napoca oder Sofia aufbrechen, wählen oft die Abendflüge nach Osteuropa, um eine Übernachtung zu vermeiden. Die sechsstündige Verspätung führte bei vielen zu verpassten Anschlussverbindungen und Verstößen gegen die EU-Ruhezeiten für entsandte Arbeitnehmer, so das Logistikunternehmen DHL Freight, das neun Techniker an Bord hatte. Nach der EU-Verordnung 261/2004 haben Passagiere Anspruch auf Mahlzeiten und Erfrischungen „in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit“ sowie bei Verzögerungen über fünf Stunden die Möglichkeit, die Reise abzubrechen und eine Rückerstattung des Tickets zu verlangen. Die Verbraucherorganisation Codacons hat bereits eine Sammelklage angekündigt und fordert eine Entschädigung von 250 Euro pro Person, da der Personalmangel vorhersehbar gewesen sei, da der Streik mehr als zwei Wochen zuvor angekündigt wurde. Für Manager der Unternehmensmobilität ergeben sich daraus zwei wichtige Lehren: Erstens sollten großzügige Zeitpuffer bei der Planung von Dienstreisen rund um italienische Streiks im öffentlichen Sektor eingeplant werden – selbst Flüge am Vortag können von Problemen bei der Crew-Rotation oder der Abfertigung betroffen sein. Zweitens sollten Reisende daran erinnert werden, physische oder digitale Bordkarten und Verspätungsbenachrichtigungen aufzubewahren, da diese für die Kostenerstattung nach EU 261 oder der Firmenreiseversicherung unerlässlich sind. Arbeitgeber mit hohem Verkehrsaufkommen über Bergamo sollten zudem die Slot-Zuteilungen des Flughafens im Auge behalten, da der Betreiber bei anhaltenden Wetter- und Personalproblemen nächtliche Flugverbote nicht ausschließt. Die Flughafenbetreibergesellschaft SACBO hat eine interne Überprüfung und bessere Koordination mit den Bodenabfertigungsfirmen versprochen, doch die Gewerkschaften betonen, dass der chronische Personalmangel – insbesondere bei den Vorfeldmitarbeitern – ohne einen neuen nationalen Tarifvertrag nicht behoben werden kann. Da der Sommerreiseverkehr in wenigen Wochen seinen Höhepunkt erreicht, werden die Mobilitätsverantwortlichen genau beobachten, ob der Vorfall in Orio eine Ausnahme bleibt oder ein Vorbote weiterer Turbulenzen ist.
Quelle: Corriere della Sera
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