
Fluggesellschaften an den beiden internationalen Drehkreuzen der Schweiz warnen, dass das neue EU-Ein- und Ausreisesystem (EES) die Kapazitäten der Passkontrolle gerade zum Beginn der Sommersaison überfordern könnte. In einem Schreiben, das der Financial Times vorliegt und am 30. Juni berichtet wurde, erklärt die Lobbygruppe Airlines for Europe (A4E), dass die ersten EES-Kontrollen bis zu viermal länger dauern als die bisherigen Stempelverfahren. Schweizer Flughäfen – obwohl im Schengen-Raum gelegen – fungieren als Außengrenzen für zahlreiche Langstreckenflüge, die außerhalb Europas starten. Zürich und Genf müssen daher bei jedem Reisenden aus Drittstaaten das vollständige biometrische Verfahren anwenden, einschließlich Fingerabdruck, Gesichtserkennung und exakter Einreisezeit. Das EES wurde im Oktober 2025 eingeführt und ist seit April 2026 an allen Schengen-Außengrenzen verpflichtend. Während die Technologie eine automatisierte Erkennung von Überziehern verspricht, offenbart sie erhebliche Personalengpässe bei den nationalen Grenzschutzbehörden. Laut A4E liegt das Problem nicht an der Software, sondern am Mangel an geschultem Personal und funktionierenden Terminals, besonders während der Spitzenabflugzeiten. Die Gruppe fordert die Europäische Kommission auf, Flughäfen vorübergehend zu erlauben, das EES auszusetzen, wenn die Wartezeiten zwei Stunden überschreiten – ein Vorgehen, das bereits im Winter beim Ski-Verkehr in Genf angewandt wurde. Für die Schweiz stehen viel auf dem Spiel: Der Flughafen Zürich erwartet im Juli und August täglich über 90.000 Passagiere, davon rund 35 % aus Nicht-Schengen-Staaten wie New York, Dubai und Singapur. Genf, das Tor zu den Westalpen und internationalen Organisationen, rechnet an Freitagen und Sonntagen mit Rekordverkehr. Beide Drehkreuze kämpfen bereits jetzt damit, die Nachtruhe einzuhalten, wenn sich Langstreckenflüge am späten Abend ballen. Zusätzliche Minuten pro Passagier könnten zu verpassten Anschlussflügen, Flugverbotszeiten und teuren Umleitungen führen. Swiss International Air Lines, die nationale Fluggesellschaft, hat stillschweigend ihren Abendflugplan reduziert, um mehr Puffer zu schaffen. Firmenmobilitätsmanager sollten Reisende auf längere Ankunfts- und Abreisezeiten vorbereiten. Empfehlungen raten nun, mindestens drei Stunden zwischen der geplanten Landung und Anschlusszügen ab Zürich HB einzuplanen sowie vier Stunden für inner-schengen Transfers in Genf. Multinationale Arbeitgeber werden zudem aufgefordert, ihre Tür-zu-Tür-Reiserichtlinien anzupassen und zusätzliche Kosten für Lounge-Zugang, Dienstzeiten und Übernachtungen zu erstatten, falls Mitarbeiter Anschlusszüge verpassen. Die ursprünglich für 2024 geplante biometrische Voranmeldung aus der Ferne ist weiterhin nicht verfügbar, sodass Reisende die Erfassung bei Ankunft absolvieren müssen. Langfristig wird die Schweiz ihre nationale EES-Schnittstelle mit der zentralen EU-Datenbank über das im Mai vom Bundesrat genehmigte Visa-Informationssystem-Upgrade verbinden. Diese Backend-Integration soll es ermöglichen, bis 2027 mehr automatisierte e-Gates zu öffnen, doch die Sommersaison 2026 wird noch unter manuellen Terminal-Beschränkungen laufen. Bis dahin sind frühe Anreise, mobiles Einchecken und Geduld der Reisenden die einzigen realistischen Maßnahmen.
Quelle: Berliner Zeitung