
Ein vernichtender 120-seitiger Bericht der Untersuchungskommission der Nationalversammlung vom 8. Juli zeichnet ein düsteres Bild der französischen Grenzverwaltung an der UK–Frankreich-Grenze bei Calais und Dünkirchen. Abgeordnete befragten Polizei, Hafenbehörden, NGOs und Wirtschaftsverbände und kamen zu dem Schluss, dass das derzeitige System – basierend auf 34 bilateralen Abkommen seit 1986 – weder den Sicherheits- noch den wirtschaftlichen Anforderungen gerecht wird. Die Berichterstatter sprechen von einer „dauerhaften humanitären und logistischen Krise“, in der Tausende Menschen in der Nähe der Fährterminals im Freien schlafen, während Transportunternehmen jährlich Millionenverluste durch Verzögerungen, Frachtbeschädigungen und höhere Versicherungsprämien hinnehmen müssen. Sie werfen den aufeinanderfolgenden Regierungen vor, britische Finanzmittel (rund 232 Millionen Euro seit 2016) die Prioritäten vorgeben zu lassen, was zu einem rein sicherheitsorientierten Ansatz geführt habe, der Migranten in immer riskantere Routen drängt. Unter 17 Empfehlungen fordern die Abgeordneten Paris auf, die Verhandlungen mit London wieder aufzunehmen, um die Asylverfahren gemeinsam zu regeln, legale Familienzusammenführungen auszubauen und eine gemeinsame Schnellentscheidungsstelle einzurichten, die humanitäre Visa innerhalb von 72 Stunden ausstellen kann. Zudem soll das Innenministerium einen „intelligenten Frachtkorridor“ mit manipulationssicheren digitalen Siegeln pilotieren, damit vorab im Inland freigegebene Lkw die am stärksten belasteten Kontrollpunkte im Hafen umgehen können. Für Unternehmen schlägt der Ausschuss eine Entschädigungsregelung für Transportunternehmen vor, die nachweisen können, dass Grenzverzögerungen finanzielle Schäden verursachen, sowie eine spezielle „Grüne Spur“ für zeitkritische verderbliche Waren an den sommerlichen Spitzenwochenenden durch den französischen Zoll. Schließlich fordern die Abgeordneten die Regierung auf, eine jährliche Wirkungsanalyse zu veröffentlichen, damit das Parlament und nicht die Verhandler am Quai d’Orsay die künftige Grenzpolitik bestimmt. Werden die Empfehlungen umgesetzt, könnten Unternehmen, die Personal oder Waren zwischen Frankreich und Großbritannien bewegen, von schnelleren Grenzübertritten und geringerem Compliance-Risiko profitieren – gleichzeitig könnten aber auch strengere Sorgfaltspflichten durch die verpflichtende digitale Frachtverfolgung auf sie zukommen.
Quelle: Le Monde